Today I don’t feel like…

…doing anything!

Und das ist ein Gefühl, das ich in den vergangenen Wochen gelernt habe zu akzeptieren! Aber das war/ist immer noch schwer für mich.

Normalerweise unternimmt man im Urlaub viel, besucht historische Stätten, Museen, besichtigt Gebäude und bestaunt die Natur. Das ist zumindest, was ich im Urlaub mache. Und in der Vergangenheit habe ich es auch schon mal geschafft, Paris in fünf Tagen anzusehen, Rom in drei (zum Leidwesen so manches Schülers, der sich die Exkursion wie Urlaub vorgestellt hat 😉), Venedig an einem Tag.

Das ist mein Tempo!

Aber wenn man länger unterwegs ist, ist man irgendwann müde – körperlich und geistig. Die Steinkreise schauen plötzlich alle gleich aus, man denkt sich ’schon wieder atemberaubende Wellen, die an die felsig zerklüftete Küste donnern….kenn ich, hab ich die letzten Tage gesehen!‘. Man könnte sich zu jeder Tageszeit sofort hinlegen und schlafen, weil man in den Hostels eben doch nicht so gut wie zuhause schläft (nochmal ein grusliges Spuk-Dankeschön an den LECW-BLOG🙋).

Aber das geht in der knapp bemessenen Urlaubsreisen nicht, sagt der Kopf, wenn man schon mal hier ist….?!?

Doch, das geht! Man kann auch mal einen Tag durchschnaufen! 

Denn mein typisches Urlaubstempo kann ich nicht über vier Monate durchhalten.

Ich stehe nicht mehr jeden Tag um 6.00 Uhr auf, warum auch, wenn die Sonne erst gegen 8.30 aufgeht! Wenn ich um 16 Uhr in der Herberge bin, ist es in Ordnung – es ist draußen dunkel.

Ich werde nichts ‚verpassen‘!

Genau das war es ja auch, was ich wollte. Länger in Schottland sein, ein bisschen in das Leben hier hineinschmecken, länger an einem Ort verweilen….hier sein.

Und das bin ich, ob ich nun unterwegs bin oder einfach Lerwick genieße.

Und es ist in Ordnung und perfekt 😊

Nach dem Aufstehen habe ich meine Kleidung gewaschen und aufgehängt. Daraufhin hab ich das Auto stehengelassen, bin in den Sturm hinausgegangen (immer noch 40mph….ca 65km/h, der Fährverkehr ist heute eingestellt!), in die Fußgängerzone geschlendert und dort habe ich ‚Alltagssachen‘ erledigt: Shampoo und Fußcreme gekauft, zudem noch Karten und einen Stift, ein Kleid anprobiert (leider zu kurz, wie sollte es auch anders sein?), bei der Post nachgefragt, was ein Paket nach Deutschland kostet (geniale Idee, Weihnachtsgeschenke hier zu kaufen!😯) und schließlich am Hafen entlang zum Mareel getapst (oder wie nennt man das, wenn der Wind einen ‚gehen lässt‘?).

Das Kulturzentrum Mareel ist das ‚An Lanntair‘ von Lerwick, in dem modernen und architektonisch umwerfenden Gebäude gibt es zwei Kinosäle, einen Vortragssaal, ein Ticket-Office, einen Laden und ein Café.

Dort saß ich, habe bei einem Soja-Latte Karten geschrieben und dieses Ticket gekauft:

Simon Yates: My mountain

Simon Yates ist ein Extrembergsteiger, der dadurch bekannt geworden ist, dass er auf einem Berg in Peru seinem Kletterpartner Joe Simpson, nachdem der sein Bein gebrochen hatte, vom Berg half, indem er ihn abseilte, dann hinterherkletterte und wieder abseilte, usw.  Das machte er einige Stunden, bis schließlich an einer Stelle das Seil zu kurz war und er selbst drohte, mitabzustürzen. Er traf die schwere Entscheidung, rettete sein eigenes Leben und durchschnitt das Seil. Da er dachte, sein Freund wäre tot, kämpfte er sich alleine ins Basislager, am Ende seiner Kräfte. Wie durch ein Wunder überlebte aber Joe Simpson den Sturz und rutschte drei Tage mehr oder weniger auf seinem Hintern den Berg hinunter, ohne Essen und Trinken, wo er Simon Yates traf, der gerade aufbrach, um endgültig vom Berg hinunterzusteigen. Beide haben überlebt.  Joe Simpson als der, der den Berg hinuntergerutscht ist, Yates als der, der das Seil abgeschnitten hat!

Bisher habe ich nur ein Interview von und über Simpsons gelesen, ich bin gespannt auf die Darstellung von Simon Yates.

Mich interessiert weniger das Thema Bergsteiger, als vielmehr die Psychologie dahinter. Simpson selbst sagt, das Durchtrennen des Seils war die einzig richtige rationale Entscheidung. Nur: Wie kann man dem anderen in die Augen blicken und nicht denken, dass man im Stich gelassen wurde? Wie kann man ihm in die Augen schauen, mit dem Wissen, man hat bewusst die Entscheidung getroffen, ihn (womöglich) zu töten, um sein eigenes Leben zu retten? Man muss dazusagen, dass Yates zu dem Zeitpunkt 21 Jahre alt und Simpson 25 Jahre alt gewesen ist.

Simpson beschreibt sich selbst als depressiv. Ich bin schon sehr gespannt auf den Vortrag, auch wenn ich mich ein bisschen wie ein Voyeur fühle 😐.  Wie wird Yates heute auf der Bühne stehen, wenn er das zum wiederholten Mal erzählt??

Mein Freund hat dazu die richtige Antwort, als wir ‚whats-app’en, bevor ich loslaufe:

‚Bester‘ Platz: Balkon, letzte Reihe, immerhin in der Mitte.

Und los geht’s!

Ein älterer etwas untersetzter Mann betritt die Bühne, startet die Powerpoint-Präsentation und zeigt die ersten Bilder seines Bergsteigerlebens, das nicht sehr vielversprechend in Leicestershire begann denn hier gibt es keine Berge, witzelte Yates. Er macht weitere Witze über seine selbstgenähte Kleidung und erzählt schließlich gleich in den ersten 10 Minuten über die Bergtour mit dem Unfall. Völlig emotionslos sagt er, dass er keine andere Lösung sah. Mit keiner Silbe geht er darauf ein, was in ihm los war.  Er schildert einfach ‚chronologisch‘. Auf Simpsons geht er während der nächsten beiden Stunde nicht mehr ein. Für ihn war das anscheinend keine große Sache und die einzig richtige Entscheidung, da gibt es keinen Diskussionsbedarf!

Schließlich wollte er noch mehr Berge in seinem Leben erklimmen. Und das tat er auch. Nach der Heirat nahm er sogar seine zwei Kinder (10 Monate und 2 Jahre alt) nach Nepal mit, ‚weil sie in dem Alter umsonst fliegen dürfen, warum also nicht?‘ Die westlichen Bergsteiger, die Einwände und Bedenken hatten, nervten ihn und er kann die Sorge um die Kinder nach wie vor nicht nachvollziehen. Es folgen Bilder, die Sherpas mit den Kindern in Körben auf dem Rücken zeigen.

In der Pause zeigen meine Sitznachbarn Mitgefühl und finden die Lage, in der er sich befand, fürchterlich. Auch sie sind überrascht, wie wenig wichtig dieser Vorfall in seinem Vortrag ist. Vielleicht setzen sich Bergsteiger bei der Vorbereitung mit so einer Situation auseinander und wissen, dass eine lebenswichtige Entscheidung getroffen werden könnte? Ob nun am einen oder anderen Ende des Seils!

Nach der Pause beschreibt Yates noch Touren in die Antarktis und nach Grönland. Dorthin hat ihn und sein Kletterpartner ein Pilot geflogen, der zwei Monate vorher eine Bruchlandung hingelegt hat. Er erzählt, dass sein Kletterpartner ihn am Tag dieses Unfalls anrief und zu ihm sagte: Oh dear, I’m going on a trip with a rope – cutter and a plane – crasher!

Das ist es, ein Name, der ihn begleitet, aber man hat nicht das Gefühl, dass ihn das Ereignis verfolgt. Bergsteiger kennen die Gefahr ihres Sports und nehmen sie in Kauf. Sie sind getrieben von dem Willen, Berge zu besteigen und nichts und niemand kann diese Sucht bremsen.

Nachtrag: Gerade gab ich gelesen, dass Yates sagte, Simpsons wäre  „a person he could not relate to“ and that „climbing partners are like work colleagues. Some work colleagues go on to become friends, some become acquaintances and some people you work with – well, you rather wish you didn’t.“

3 Kommentare zu „Today I don’t feel like…

  1. Da fange ich mal hinten an…: Wer weiß, wie Yates das alles wirklich sieht oder was er verdrängt hat (verdrängen musste). Vielleicht ist er es auch nach 30 Jahren leid, immer das Gleiche Thema mit einem Publikum zu diskutieren, das teilweise die Argumente eines echten Bergsteigers nicht verstehen kann??? Who knows… Erinnere mich nur was meine bergsteigende Freundin über Seilschaften erzählt. Also, das wäre alles nix für mich! 😰
    Schön, dass du (manchmal) zur Ruhe kommen kannst und auch mal die Seele baumeln lässt. Wenn du alles, aber so wirklich ALLES, erst verarbeiten könntest wenn du wieder zu Hause bist, dan bräuchtest du womöglich noch ein 2. Sabbatjahr. 😊
    Scherz bei Seite: ich habe dank zweier Bundesländer in denen ich arbeite immer nur kurze Sommerferien. Dieses Jahr hatte ich mir die 3. Woche mal von NRW „geklaut“ und war dann genau die 3 Wochen wandern (na gut, einen Tag danach hatte ich noch bevor die Schule losging). Während ich auf dem SWCP meistens Lust hatte aufzustehen und was zu sehen bzw zu wandern, bin ich die ersten Wochen nach meiner Rückkehr kaum aus dem Bett gekommen und habe geschlafen, geschlafen……… Da mussten wohl das Schuljahr und der Urlaub (die Gewitterwarnungen und der Regen) „raus“. Das war also nur bedingt sinnvoll muss das nächste Mal besser werden!
    Dann bin ich mal gespannt auf das Geheimnis deines morgigen Posts!
    Liebe Grüße, Katrin

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    1. Ja, das Ausschlafen nach dem Urlaub kenne ich nur zu gut. Diesmal wird es (hoffentlich) anders sein 😉.
      Yates: Ich glaube auch, dass es ihn nervt, dass er nicht der Bergsteiger ist, der für seine vielen Erstbesteigungen berühmt ist, sondern dafür, dass er, um die Fakten zu beachten, sein eigenes Leben gerettet hat! Für so einen ehrgeizigen Mann ist das äußerst frustrierend! Vor allem, da er fast keine Berge besteigt, auf dem schon jemand war.
      Habe heute mit Emma, eine ‚Inselbewohnerin‘, die auch bei dem Vortrag war, bestimmt eine halbe Stunde diskutiert und abgewogen. Ich weiß immer noch nicht, was ich darüber denken soll. Vielleicht wird es die nächsten Tage klarer 😉
      Jetzt bin ich nervös: Hoffentlich findest du mein Geheimnis auch so aufregend wie ich!?! 😮😊😶

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